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Zur Geschichte der Mathematik und Naturlehre bis zum 19. Jahrhundert

Eine eigenständige Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät besitzt die am 12. November 1419 gegründete Universität Rostock erst seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Auf Veranlassung des Staatssekretariats für das Hoch- und Fachschulwesen der Deutschen Demokratischen Republik wurde die traditionsreiche Philosophische Fakultät am 28. Juli 1951 in eine Philosophische und eine Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät aufgegliedert. Die Ausbildung der Studenten für das Diplom- und Staatsexamen erfolgte im Gründungsjahr 1951 in den Hauptfachrichtungen Mathematik, Physik, Chemie, Pharmazie, Mineralogie, Geologie, Geographie und Biologie. In dem 1968 mit der III. Hochschulreform gebildeten Wissenschaftlichen Rat waren Mathematik und Naturwissenschaften in einer Fakultät für Mathematik, Naturwissenschaften und Technik, dann in einer Fakultät für Mathematik, Physik und Technikwissenschaften sowie in einer Fakultät für Biologie, Chemie und Agrarwissenschaften vertreten. Seit dem Herbst 1990 besteht im Rahmen der vorläufigen Verfassung der Universität Rostock wieder eine Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät.

Auf die Geschichte dieser Disziplinen mit ihren seit Beginn bzw. Mitte des 19. Jahrhunderts in Rostock existierenden eigenständigen Lehrstühlen soll in den folgenden Abschnitten detailliert eingegangen werden. Zuvor schauen wir auf die Wurzeln dieser langen Entwicklung.

Die Rostocker Alma mater hatte zunächst drei Fakultäten (Artistenfakultät, Medizinische und Juristische Fakultät). 1432 wurde die Einrichtung einer Theologischen Fakultät von Papst Eugen IV. gestattet. Damit war das Studium generale in Rostock komplett möglich. Der Unterricht erfolgte durch Vorlesungen und Disputationen, da Bücher eine seltene Kostbarkeit darstellten. Eine besondere Rolle spielte dabei die Artistenfakultät: in ihr wurde das Grundwissen vermittelt, das jeder Student besitzen mußte, wenn er die übrigen drei sogenannten höheren Fakultäten absolvieren wollte. Das gelehrte Grundwissen war in vielen Fällen elementar. Arithmetik umfaßte das Rechnen, die Geometrie die ersten drei Bücher des EUCLID , die Astronomie die Kalender-Berechnung. Physik wurde im Rahmen der Philosophia naturalis zunächst im Sinne von PLATO , und später von ARISTOTELES , gelehrt, und es bestanden minimale Verbindungen zu den Beobachtungen des Naturgeschehens. Nicht die Erforschung der Natur auf gesicherter experimenteller Basis, sondern die Vermittlung der über Jahrhunderte kanonisierten Lehrinhalte stand im Vordergrund. Zum Beispiel stellte die Physik in dieser Zeit keine naturwissenschaftliche Disziplin dar, vielmehr eine breite, stark philosophisch geprägte allgemeine Naturerkenntnis, die auf dieser Basis über ein sehr breites und heterogenes Spektrum von Fragestellungen in der belebten und unbelebten Natur reflektierte. Aufgrund der Heterogenität der Physik und des damaligen Ausbildungsweges an den Universitäten sind zu dieser Zeit von unterschiedlichen universitären Vertretern, den Professoren und Magistern der verschiedenen Fakultäten, insbesondere der medizinischen und theologischen, physikalische Fragen berührende Vorlesungen gehalten worden.

Nachdem das Konzil 1564 die neuen Fakultätsstatuten verkündet hatte, wurden auch an der Artistenfakultät Professuren für bestimmte Wissensgebiete neu eingerichtet. Es gab Lehrstühle für Physik und Metaphysik, Niedere Mathematik, Medizin und Höhere Mathematik sowie zwei weitere Medizinprofessuren.

Einer der typischen Vertreter der physikalisch-technisch orientierten ,,Niederen Mathematik'' war MAGNUS PEGELIUS (M. PEGEL, 1547-1619). Er wurde als Sohn des Professors KONRAD PEGEL (1487-1567) in Rostock geboren, wo er auch 1569 den akademischen Grad eines Magisters erwarb. 1579 wurde er als Professor der Mathematik nach Helmstedt berufen. 1581 kehrte er nach Rostock zurück, wo er 1591 zum Dr. med. promoviert wurde. Im gleichen Jahr erhielt er die rätliche Mathematikprofessur. M. PEGEL knüpfte vielfältige Kontakte zu bedeutenden Gelehrten seiner Zeit, wie JOST BÜRGI (1552-1632) und TYCHO DE BRAHE (1546-1601). 1593 erhielt PEGEL ein kaiserliches Privilegium zum Schutz seiner Werke. Im gleichen Jahr schenkte PEGEL der Philosophischen Fakultät unter anderem einen Himmelsglobus und einen Proportionalzirkel einschließlich 13 wertvoller alter Bücher. Er kämpfte für eine auf Mathematik und Experimente gegründete Mechanik gegen Zopfgelehrtheit. 1604 erschien in Rostock sein ,,Thesaurus rerum selectarum magnarum, dignarum, utilium, marinus, pro genere human'', in dem Projekte von Luftschiffen, Unterseeboten, Schiffsbrücken, automatischen Schußwaffen, Wasserkünsten und Badeöfen, eine Gedächtniskunst und Chirurgia infusoria entworfen wurden. Später wurde er zusammen mit dem berühmten Astronomen TYCHO DE BRAHE, der auch kurze Zeit in Rostock tätig war, Ratgeber des Kaisers Rudolf II. in Prag.

Der bedeutende Wissenschaftler JOACHIM JUNGIUS (1587-1657) studierte und wirkte an der Universität Rostock und war hier von 1624 bis 1628 Professor für Mathematik. Er gründete 1622 die erste naturwissenschaftliche Gesellschaft nördlich der Alpen, die ,,Societas Ereunetica sive Zetetica''. Die Universitätsbibliothek Rostock besitzt neben zwei vor 1800 gedruckten Werken auch einige Handschriften von JOACHIM JUNGIUS, so eine fast vollständige Abschrift der 1627 in Rostock gedruckten ,,Geometria Empirica'' aus dem Jahre 1642. Das erst 22 Jahre nach JUNGIUS' Tod herausgegebene Buch ,,Praecipuae opiniones physicae'' (Hamburg 1679) gelangte aus der Privatbibliothek des Rostocker Botanikers J.A.CH. ROEPER in den Besitz der Universitätsbibliothek.

Von 1755 bis 1778 lehrte in Rostock bzw. in Bützow WENCESLAUS JOHANN GUSTAV KARSTEN (1732-1787) als Professor für Logik, Mathematik und Physik. Obwohl KARSTENS Vater in dürftigen Verhältnissen lebte, ermöglichte er 1750 seinem Sohn, in Rostock Theologie, Philosophie und Mathematik zu studieren. Von 1752 bis 1754 setzte er die Studien an der Universität Jena fort. In Rostock wurde KARSTEN 1755 mit einer mathematischen Arbeit zum Magister in die Philosophische Fakultät aufgenommen und begann Vorlesungen über Mathematik, Logik, Metaphysik, Naturrecht und Sittenlehre zu halten. 1758 wurde er als Professor für Logik an die Universität Rostock berufen. Als Streitigkeiten zwischen dem Herzog Friedrich und der Stadt Rostock zur Spaltung der Universität führten, ging KARSTEN an die 1760 neugeschaffene Universität Bützow. Die schlechten materiellen Bedingungen und der an mangelnder Disziplin und zu geringen Studentenzahlen krankende Universitätsbetrieb befriedigten ihn nicht. Trotzdem schlug er eine Berufung an die Petersburger Akademie aus und ging 1778 als Nachfolger von ANDREAS SEGNER nach Halle, übernahm einen Lehrstuhl, der vorher IMMANUEL KANT angeboten worden war. Von KARSTEN stammt ein achtbändiges Werk über ,, Lehrbegriffe der gesamten Mathematik'' (Greifswald 1767-1778), das GEORG CANTOR in seiner Geschichte der Mathematik ausführlich gewürdigt hat. KARSTEN unterhielt einen regen Briefwechsel mit LEONHARD EULER, JOHANN ALBRECHT EULER, FRANZ ULRICH THEODOR AEPINUS, JOSEPH LOUIS LAGRANGE, ABRAHAM GOTTHALF KÄSTNER und JOHANN HEINRICH LAMBERT. LEONHARD EULER würdigte wiederholt die Arbeiten von W.J.G. KARSTEN, insbesondere dessen Lehrbücher, die seinen Ruf als Mathematiker begründeten. Sie zeichnen sich durch Deutlichkeit, Kürze und mathematische Strenge aus.

Bis zum Ausgang des Mittelalters stützte sich die Lehre in Botanik und Zoologie auf die Schriften antiker (vor allem ARISTOTELES, THEOPHRASTOS und DIOSKURIDES ) und später arabischer Gelehrter. Ihre Ansichten wurden kritiklos dargeboten, häufig nicht im Urtext, sondern mit Hilfe kompendienartiger Werke deutscher Verfasser. In dieser Form waren botanische und zoologische Lehrveranstaltungen Bestandteil des Unterrichtes der Rostocker Medizinischen Fakultät. In den schon erwähnten Fakultätsstatuten von 1564 ist die Pflicht zur Abhaltung solcher Vorlesungen und dreier Exkursionen pro Jahr ausdrücklich vermerkt. In dem lateinischen Gedicht ,,Botanoscopium'' (1579) des Rostocker Professors für Poesie, NATHAN CHYTRAEUS (1543-1598) , werden in scherzhafter Form die Leiden und Mühsale einer Exkursion zum Breitling, an welcher der Verfasser des Gedichtes teilgenommen hatte, beschrieben.

Im Jahre 1789 wurden die bisherigen Professuren für Mathematik und Medizin durch einen zusätzlichen Lehrstuhl für Naturgeschichte, Chemie und Botanik ergänzt. Als erster Vertreter für dieses Amt konnte HEINRICH FRIEDRICH LINK (1767-1851) gewonnen werden, der die Anfangsschritte der Konsolidierung der Naturlehre mit gleicher Souveränität leitete wie auch die späteren Phasen der weiteren Entfaltung dieses zunächst immer noch sehr komplexen Lehrgebietes. Hervorzuheben ist das Wirken H. F. LINKS für die Botanik. Er trat mit floristischen Arbeiten (Flora von Göttingen, Rostock und auch von Portugal), mit Untersuchungen über den Bau der Gefäße bei Pflanzen und den Wassertransport, den Bau von Cycadeen und Farnen, einem dreibändigen Handbuch zur Anatomie und Physiologie der Pflanzen sowie Publikationen über allgemeine Fragen der Naturphilosophie hervor. Neben Vorlesungen zur Botanik und zur Naturgeschichte nach BLUMENBACH (Zoologie) kündigte er in Physik und Chemie erstmalig Experimentalvorlesungen (,,praelectiones chemiam experimentis illustrandas'') an. Unter LINKS Leitung wurde die Naturaliensammlung zu einem ,,literarischen Hilfsmittel der Universitäten'' umgebildet. Sie sollte einen ,,Überblick über das Ganze'' gewähren. Der wissenschaftliche Ruf, den sich H.F. LINK auf allen Gebieten der Naturwissenschaften erworben hatte, veranlaßte die Medizinische Fakultät im Jahre 1811, beim Herzog die Übertragung dieser Professur in ihren Bereich zu beantragen. Dieser Bitte wurde stattgegeben: LINK erhielt ,,Sitz und Stimme in der Medizinischen Fakultät''. Dies hinderte ihn jedoch nicht, noch im gleichen Jahre einem Ruf an die Universität Breslau zu folgen. Er übernahm später in Berlin das dortige Botanische Institut und den Botanischen Garten; für LINK eine Auszeichnung, für Rostock ein Verlust.

Neben H.F. LINK vertrat auch ADOLF CHRISTIAN SIEMSSEN (an der Universität Rostock von 1792 bis 1833) das Fach Naturgeschichte. Er las nicht nur über Zoologie, Botanik, Mineralogie und Astronomie, sondern auch über Technologie, Ökonomie und Warenkunde. Da durch ihn die Sammlung und Erforschung der einheimischen Fauna begonnen wurde, könnte er als Vater der Mecklenburgischen Tierkunde bezeichnet werden.

Nach dem Weggang LINKS wurde 1812 der Rostocker Lehrstuhl in eine Professur für Naturgeschichte und Botanik (LUDOLPH CHRISTIAN TREVIRANUS, 1779-1864) und für Chemie und Pharmazie (GUSTAV MÄHL, 1789-1833) geteilt.


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