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Die Mathematik ab 1830

Am Anfang des 19. Jahrhunderts erfolgte eine Belebung der Naturwissenschaften. Die Zahl der in Rostock immatrikulierten Studenten war jedoch gering. Von 1830 bis 1877 vertrat HERMANN KARSTEN (1809-1877) die Mathematik, aber auch die Fachgebiete Physik, Geologie und Astronomie, gleichzeitig war er Direktor der Navigationsschule.

H. KARSTEN hatte in Bonn und Berlin studiert und wurde 1829 in Berlin promoviert. Anschließend beschäftigte er sich unter Anleitung des Astronomen BESSEL in Königsberg mit Astronomie. Ab 1830 wirkte er in Rostock als Privatdozent für Mathematik und Mineralogie, seit 1832 als außerordentlicher Professor. Von 1836 bis zu seinem Tode war H. KARSTEN ordentlicher Professor in Rostock. Seine Verdienste lagen in Anwendungen der Mathematik. Er veröffentlichte astronomische, meteorologische und mineralogische Arbeiten. So gab er den für Seefahrer bestimmten ,,Kleinen Astronomischen Almanach'' von 1830 bis 1850 heraus.

HERMANN KARSTEN gehörte einer alten mecklenburgischen Familie an, die, wie schon aus dem vorherigen Kapitel bekannt, viele Gelehrte hervorbrachte. Einige von ihnen hatten enge Beziehungen zur Mathematik. GUSTAV KARSTEN (1820-1900), ein Bruder von H. KARSTEN, war Professor für Physik und Mineralogie in Kiel. Zu seinen Lehrern zählten GUSTAV DIRICHLET (1805-1859), JACOB STEINER(1796-1863) und JULIUS PLÜCKER (1801-1868). Als Mitbegründer und erster Vorsitzender der Physikalischen Gesellschaft verkehrte er mit PHILIPP JOLLY, JAMES JOULE, MICHAEL FARADAY, GEORG STOKES, EMIL DU BOIS-REYMOND, HERMANN VON HELMHOLTZ, GUSTAV KIRCHHOFF und RUDOLF VIRCHOW.

BERNHARD LORENZ GEORG KARSTEN (1858-1909), ein Sohn von G. KARSTEN, wirkte ab 1894 als Lehrer für Physik und Mathematik am Technikum Bremen und wurde 1908 zum Professor berufen.

Der Großvater von HERMANN und GUSTAV KARSTEN, der Professor FRANZ CHRISTIAN LORENZ KARSTEN (1751-1829), ein Bruder des im vorigen Abschnitt genannten W.J.G. KARSTEN, hat sich durch die Errichtung einer landwirtschaftlichen Lehr- und Versuchswirtschaft in Rostock (1793/94) verdient gemacht. Seine erste wissenschaftliche Arbeit war das Büchlein ''Die Rechenkunst'' (Bützow 1775; Nachauflagen 1786 und 1805).

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte die Stadt Rostock mit dem Aufblühen der großen Segelschiffahrt einen steilen Aufstieg, der auch an der Universität nicht vorüberging. In dieser Zeit, im Jahre 1879, erfolgte die Gründung des Mathematisch-Physikalischen Seminars. Die ersten Direktoren waren der Physiker und Mathematiker HEINRICH FRIEDRICH LUDWIG MATTHIESSEN (1830-1906) und der Mathematiker und Astronom JOHANN MARTIN KRAUSE (1851-1920).

Der §1 der Statuten dieses Seminars lautet:
,,Das mathematisch-physikalische Seminar soll den Studirenden Anregung und Anleitung geben zu selbständigen Untersuchungen und freien Vorträgen in der reinen Mathematik und in der mathematischen Physik. Den Professoren der Mathematik und Physik wird bis auf weitere Bestimmung die Leitung dieses Instituts unter Oberaufsicht des Ministeriums, Abtheilung für Unterrichts-Angelegenheiten, übertragen. Sie stellen unabhängig von einander Themata zu kleinen und größeren schriftlichen Arbeiten und freien Vorträgen und ertheilen den Mitgliedern Rath und Anleitung zur Bearbeitung. Die besondere Einrichtung und Anordnung der seminaristischen Uebungen ist den Directoren überlassen.''

Aus den Unterlagen des Universitätsarchivs geht hervor, daß dem Seminar Johanni (24.6.) 1880 eine Summe von 600 M zur Anschaffung von Büchern und Instrumenten zur Verfügung gestellt wurde. 1879 gab es 9 Teilnehmer am Physikalischen Seminar und 8 Teilnehmer am Mathematischen Seminar, von denen aber nur die Hälfte mitgearbeitet haben soll. Jeder der beiden Direktoren konnte im Semester drei Studenten für eine Prämie vorschlagen. Dafür standen im Jahr 600 M zur Verfügung.

Ab 1907 bestand neben den beiden ordentlichen Professuren für Mathematik und Physik noch eine außerordentliche Professur, die eine Zwischenstellung einnahm und durch ,,Mathematische Physik'' gekennzeichnet werden kann. Der erste Vertreter war RUDOLF HEINRICH WEBER (1874-1920).

Von den Mathematikern des 19. Jahrhunderts ist noch OTTO STAUDE (1857-1928) zu erwähnen, der von 1888 bis 1928 in Rostock gewirkt hat. Er schrieb ein mehrbändiges Werk über die ,,Analytische Geometrie des Punktes, der geraden Linie und der Ebene'' (Leipzig 1905) und darauf aufbauend die ,,Analytische Geometrie des Punktpaares, des Kegelschnittes und der Flächen 2. Ordnung'' (Leipzig 1910). Als ordentliche bzw. außerordentliche Professoren für Mathematik lehrten in Rostock zwischen 1918 und 1945 OTTO HAUPT (1887-1988), ERNST POHLHAUSEN (1890-1964), GERHARD THOMSEN (1899-1934), ROBERT OTTO FURCH (1894-1967), CURT OTTO WALTHER SCHMIEDEN (1905-1991) und FRIEDRICH MORITZ LÖSCH (1903-1982).

POHLHAUSEN, der sich nur fünf Jahre in Rostock aufhielt, war eng mit dem Flugzeugbau verbunden und zunächst an der Werft Warnemünde der Firma ,,Flugzeugbau Friedrichshafen'' tätig. Er ging 1926 an die Technische Hochschule Danzig, wo er einen Lehrstuhl für Angewandte Mathematik übernahm. Sein Nachfolger wurde ROBERT OTTO FURCH, der bis 1945 am Mathematischen Seminar arbeitete. Als Forscher hat sich FURCH mit Potentialtheorie und Topologie beschäftigt. Von Interesse dürfte hierbei sein, daß bei den Berufungsvorschlägen für die Nachfolge POHLHAUSENS auch der weltberühmte Algebraiker VAN DER WAERDEN genannt wurde.

Für die Entwicklung der Mathematik wirkte sich bedeutungsvoll aus, daß mit der einsetzenden Aufrüstung die Verbindung zu den 1922 gegründeten Heinkel-Flugzeugwerken in Rostock-Marienehe geschaffen wurde. Dabei spielten sowohl die Interessen der Ingenieure für mathematische Probleme als auch die sich für die Wissenschaft ergebenden Forschungsaufgaben eine Rolle. Die Schwerpunkte der Flugzeugforschung stellten den wissenschaftlich-technischen Höchststand auf bestimmten Gebieten dar. 1932 verlieh die Philosophische Fakultät, zu deren naturwissenschaftlicher Abteilung die Mathematik gehörte, ERNST HEINKEL (1888-1958) den Ehrendoktor. In der Begründung hieß es: ,,So sieht die Welt in ihm einen der genialsten Flugzeugkonstrukteure. Sein Werk ist das größte Industriewerk Mecklenburgs, es wird auch bei unserer Wehrhaftmachung in der Luft eine besondere Rolle spielen.''

Das Flugzeugwerk konnte so ausgebaut werden, daß 1934 Werkhallen für 3000 Arbeiter entstanden und die Serienproduktion begann. Ein solches Werk benötigte Fachkräfte und eine ständige Weiterbildung dieser Personen. So begann FURCH, spezielle Vorlesungen für Mitarbeiter der Heinkelwerke zu halten, beispielsweise über Tragflügeltheorie. Der Lehrstuhl für Reine Mathematik wurde im Interesse HEINKELS und des Flugwesens an einen Angewandten Mathematiker, den Aerodynamiker CURT SCHMIEDEN, vergeben. Er wirkte von 1934 bis 1937 in Rostock und hielt entsprechende Vorlesungen, so 1936/37 über Praktische Mathematik und Schwingungslehre, theoretische Aerodynamik, Statik der Metallkonstruktionen (Schalentheorie und Blechwandträger). Diese Tätigkeit hatte auf die Zusammenarbeit mit HEINKEL großen Einfluß. 1937 stellte HEINKEL weitere Bedingungen. Er forderte einen Lehrstuhl für Angewandte Mathematik unter besonderer Berücksichtigung des Flugzeugbaues, obwohl im Interesse der Lehre an der Universität ein Lehrstuhl für Reine Mathematik nötiger gewesen wäre. Der technische Direktor der Heinkelwerke, HEINRICH HERTEL, sollte nach dem Wunsch HEINKELS eine Honorarprofessur für Angewandte Mathematik erhalten. Unter diesen Bedingungen wollten die Heinkelwerke eine monatliche Stiftung von 600,- RM gewähren, und die Bedingungen wurden schließlich erfüllt. Die Heinkelwerke erhielten auch die Möglichkeit, Berufungsunterlagen einzusehen. So wurde der bisher an der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrtforschung tätige FRIEDRICH LÖSCH nach Rostock berufen. LÖSCH, der von 1939 bis 1945 an der Universität wirkte, veröffentlichte nach dem Krieg den 4. Band von Mangoldt-Knopps ,,Einführung in die höhere Mathematik'' (Leipzig 1973).

1946 begann ein neues Kapitel in der Geschichte unserer Universität und damit auch ihrer mathematischen Einrichtung. Bei der Wiedereröffnung gab es keinen Hochschullehrer für Mathematik. Ehe HANS SCHUBERT (1908-1987) 1946 seine Tätigkeit aufnehmen konnte, hielt RUDOLF SCHRÖDER (1890-1959), Lehrer an einer Rostocker Oberschule, Vorlesungen über Mathematik.

1950 kamen der Algebraiker RUDOLF KOCHENDÖRFFER (1911-1980) aus Greifswald und 1952 der Zahlentheoretiker LUDWIG HOLZER (1891-1968) aus Graz an unsere Universität. KOCHENDÖRFFER gehörte bis 1967 zur Universität Rostock. Die politischen Verhältnisse in der DDR veranlaßten ihn, bei der Gelegenheit einer Auslandsreise nach Australien zu emigrieren. HOLZER ging nach seiner Emeritierung 1965 in seine Heimat Österreich zurück, wo er 1968 verstarb. Kurze Zeit nur, nämlich 1952/53, war ALFRED KLOSE (1895-1953) Professor für Angewandte Mathematik an unserer Universität. Er war gleichzeitig mit dem Aufbau der geplanten Luftfahrttechnischen Fakultät betraut. Von der Friedrich-Schiller-Universität Jena wurde 1954 der Analytiker ADAM SCHMIDT (1908-1990) und von der Martin-Luther-Universität Halle/S. wurden 1959 der algebraische Geometer WOLFGANG ENGEL (geb. 1928) sowie 1965 der Analytiker LOTHAR BERG (geb. 1930) als Professoren nach Rostock berufen. In den 60er Jahren wirkten als Gastprofessoren die ungarischen Mathematiker ISTVÁN FENYÖ (1917-1988) und GÉZA FREUD (1922-1979) sowie GUSTAV KUERTI (1903-1978), der 1938 aus Wien in die USA emigrieren mußte.

Bei der III. Hochschulreform im Jahre 1968 sicherte sich die SED durch Bildung der Sektion Mathematik das Monopol bei allen Leitungs- und Personalentscheidungen. Ihr Ziel, auch Forschungs- und Vorlesungsinhalte zu beeinflussen, konnte sie aber bei der Mathematik zum größten Teil nicht durchsetzen. Die am 16.7.1968 gegründete Sektion Mathematik, die sich in Wissenschaftsbereiche untergliederte, entstand im wesentlichen aus dem Mathematischen Institut. Der Sektion gehörten seit ihrer Gründung auch die Wissenschaftler des Bereiches Methodik des Mathematikunterrichts an, die bis 1967 im Institut für Pädagogik der Philosophischen Fakultät und anschließend bis 1968 im Institut für Methodik des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts gearbeitet hatten. Weiter wurden 1969 Mitarbeiter aus dem Rechenzentrum übernommen, das 1964 aufgrund der Initiative von Mathematikern und mit ihrer wesentlichen Unterstützung als zentrale Einrichtung der Universität gegründet worden war.

Während des Bestehens der Sektion Mathematik bis 1990 wurden die folgenden Forschungsgebiete besonders gepflegt: Operator- und Funktionalgleichungen, Elliptische Randwertprobleme, Approximationstheorie und Algebraische Analysis, Algebraische Geometrie, Gruppentheorie, Kombinatorik und Graphentheorie, Numerische Algebra, Biostatistik und asymptotische statistische Verfahren. In den ersten Jahren des Bestehens der Sektion wurden darüber hinaus die Gebiete Digitalgrafik und Programmiersprachen bearbeitet. Von Angehörigen der Sektion Mathematik wurden Maßnahmen zur Förderung mathematisch begabter Jugendlicher (Wettbewerbe, Spezialklassen und -schulen) angeregt und intensiv unterstützt.

Nach der politischen Wende in der damaligen DDR wurde im November 1990 die Sektion Mathematik zum Fachbereich Mathematik mit einem frei gewählten Fachbereichsrat umgestaltet. Zum Beginn des Wintersemesters 1991/92 vergrößerte sich die Zahl der Mitarbeiter durch die Angliederung der Mathematikabteilungen der Ingenieurhochschule Warnemünde/Wustrow und der Pädagogischen Hochschule Güstrow an den Fachbereich beträchtlich. Auf der Grundlage des Hochschulerneuerungsgesetzes des Landes Mecklenburg-Vorpommern wurden alle Hochschullehrer durch eine Ehrenkommission auf ihre persönliche Integrität und durch eine Überleitungskommission auf ihre fachliche Kompetenz überprüft. Nach Abschluß dieser Überprüfungen wurden schließlich im Herbst 1992 15 Hochschullehrer des Fachbereiches als Universitätsprofessoren übernommen, die in den Lehrstühlen Algebra, Geometrie/Topologie, Diskrete Mathematik, Partielle Differentialgleichungen, Funktionalanalysis, Angewandte Analysis, Numerische Mathematik, Mathematische Optimierung, Stochastik und Didaktik der Mathematik tätig sind.

Bei der Erneuerung der Universitäten des Landes Mecklenburg-Vorpommern haben sich einige Hochschullehrer des Fachbereiches besondere Verdienste erworben. So wählte das außerordentliche Konzil 1990 den Numeriker Gerhard Maeß; (geb. 1937) zum ersten Rektor der Universität Rostock nach der Wende. Der Analytiker Günther Wildenhain (geb. 1937) stellte sich von 1991 bis 1993 als Leiter der Abteilung Wissenschaft und Forschung im Kultusministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern zur Verfügung.


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